Welche Ursachen hat Leistenschmerz beim Sportler: die "weiche Leiste" und ihre Differentialdiagnosen
[26.12.2013]

Durch die enge Nachbarschaft mehrerer komplexer Strukturen in der Leisten (Inguinal)region (Hüftgelenk, Leiste, Muskelursprünge und -ansätze, Bauchwand etc.) und der Vielzahl an Erkrankungen, die damit infrage kommen, gelingt eine Ursachenfindung der Leistenschmerzen häufig nur schwer. Häufig wird im Verlauf das Vorliegen einer „weichen Leiste" (Sportlerhernie) für die Beschwerden verantwortlich gemacht. Der Begriff beschreibt eine Strukturschwäche in der Leistengegend.

 

Leistenschmerzen sind ein häufiges Symptom bei Leistungssportlern. Aktuelle Studien zeigen, dass die „weiche Leiste" als tatsächliche, eigenständige Diagnose eher selten ist und bei maximal 3% liegt. Viel häufiger sind es (in der Anfangsphase der Schmerzen passagere) Störungen im passiven Stütz- (Knochel, Knorpel, Bänder) und aktiven Bewegungsapparat (Sehnen, Muskulatur)!

 

Wir unterscheiden dabei Ursachen direkt an der Leiste von jenen, die in die Leistengegend "einstrahlen" können.

 

Nicht nur für den Laien ist die Unterscheidung oftmals schwierig:

 

Inguinale Ursachen

Bedingt durch die starke Beanspruchung der hüft- und leistenüberdeckenden Muskulatur bei Leistungssportlern, stellen muskuläre Verhärtungen, Muskelzerrungen, Muskelrisse bis hin zu kleineren Sehneneinrissen und die daraus resultierenden funktionellen Dysbalancen der betroffenen Muskulatur häufig anzutreffende Beschwerden dar.

 

Weitere mögliche Ursachen für einen Leistenschmerz können Schäden des Hüftgelenks selbst, wie Weichteil-, Knorpelschäden, nicht richtig verheilte Knochenbrüche in dieser Region oder aber auch angeborene knöcherne Schäden wie z.B. die kindliche Hüftkopfnekrose oder Dysplasie sein.

In den vergangenen Jahren ist zunehmend das Femoroazetabuläre Impingement (FAI) in den Vordergrund gerückt. Als weitere Differentialdiagnose gilt die unter Fußballern häufig anzutreffende Knochenentzündung des Schambeins, eine im MRT morphologisch nachzuweisende Stressreaktion des Schambeinknochens.

 

Extrainguinale Ursachen

In die Diagnostik miteinbeziehen sollte man auch extrainguinale Ursachen. So können auch beginnende Entzündungen des Magendarm- und Harn-/Geschlechtstraktes eine Schmerzsymptomatik der Region hervorrufen.

 

Nervale Engpassyndrome (Kompressionssyndrome) können zu Nervenirritationen führen. Die resultierenden Beschwerden sind selten auf einen klar umschriebenen Raum beschränkt. Auch eine Schmerzausstrahlung von Erkrankungen der Lendenwirbelsäule in die Leistenregion ist möglich.

 

 

Eine Fachauflistung der möglichen Einzelursachen (je nach Zählung >30!) finden Sie hier:

 

  • Muskuläre oder Muskulotendinöse Ursachen: Muskelverhärtungen, -zerrungen, -einrisse; Tendinosen, Peritendinitiden.
  • Ossäre/kartilaginäre Ursachen: Impingementsyndrome, Arthrosen, Schambeinpathologien, Stressfrakturen, Wachstumsfugenlösungen, Morbus Perthes.
  • andere Weichteilursachen: Inguinal-/Femoralhernien, "Weiche Leiste" (sports hernia), Bursitis iliopectinea, Lymphknoten-/Schleimbeutelschwellungen.
  • weitere Beschwerden: Nervale Engpassyndrome, Verspannungen der autochthonen Rückenmuskulatur inkl. Msc. quadratus lumborum, Sakroileitis oder SIG/ISG Blockaden, Harnwegsinfekte, Prostatainfektionen, Nebenhodenentzündungen, Hodentorsion, Endometriose, Ovarialzysten.

 

(die farblich schwarz markierten Einzelursachen sind laut unserem Erfahrungsschatz häufiger auftretend) 

 

 

Krankheitsentstehung

Vor allem ständige Be- und Entschleunigungen führen zu Belastungsspitzen im Bereich des Bein-Becken-Rumpf-Überganges, die zu einer Überlastung oder gar Verletzung der beteiligten dynamischen oder statischen Stabilisatoren, so z.B. der gesamten Becken- und hüftübergreifenden Muskulatur führen können. Betroffen sind vor allem "Stop&Go"-Sportarten wie Fussball, Volleyball, Basketball oder Handball Spielen, wobei bei den letztgenannten die harte (Hallen-)Bodenbeschaffenheit ihres zur Beschwerdesymptomatik beiträgt.

Aber auch bei Rad- und Laufsportler ist dieses Krankheitsbild unrühmlich bekannt.

 

Diagnostik

In der Ursachenfindung an erster Stelle steht die Erhebung der Entstehungsgeschichte der Beschwerden, gefolgt von einer sportmedizinischen Untersuchung mittels Ausschlussdiagnose aller extrainguinalen Ursachen, welche mitunter eine Blut- und Ejakulat- bzw. Stuhlanalyse oder gynäkologische Grunduntersuchung miteinschliesst.

Wichtigstes bildgebendes Diagnoseverfahren ist die Ultraschalluntersuchung, gefolgt von der dynamischen Magnetresonanztomographie.

 

Therapie

Nach Ausschluss aller extrainguinalen Ursachen sollten in erster Linie sportphysiotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz kommen.

Ein operatives Verfahren sollte erst dann in Betracht gezogen werden, wenn ein klarer Leistenbruch, nachgewiesene strukturelle Schäden bzw. dauerhaft unerklärliche Leistenschmerzen (trotz konservativer Therapie!) bestehen.

 


 -  den Link auf Facebook teilen


- den Link auf Google+ teilen



 

© Dr. Christian Pegger